Mein Bericht zur Teilnahme am Rekordwochenende auf dem DEKRA-Oval in der Lausitz

Vorbemerkungen

Angesichts der vielen bewundernden Kommentare mag etwas der Eindruck entstanden sein, dass es sich bei dieser Art von Liegerad Ausdauerveranstaltung um eine Extremsportart handelt, die nur einigen "Auserwählten" vorbehalten ist, welche sich eh von der Familie und dem Rest der Welt abgekehrt haben, um in Schmerz und Entbehrung Zehntausende von Trainingskilometern zurückzulegen. Dieser Eindruck wäre falsch und fatal: Kein anderes HPV (Human Powered Vehicle) mit Ausnahme des Liegerades eröffnet sportlich orientierten Menschen die Möglichkeit, an einem Tag mehrere hundert Kilometer genussvoll oder unter optimalen Bedingungen sogar 1000 und mehr Kilometer zurückzulegen ohne die Gesundheit zu riskieren. Ich möchte dies anhand meines Berichtes belegen doch dafür muss ich etwas weiter ausholen...

 

Die Vorbereitung

Eigentlich hatte ich geplant, an der WM 2010 Ende Mai auf Jersey mein brandneues, vollverschaltes HPV, ich nenne es vorläufig "Peregrin VV" ausgiebig zu testen. Wegen einem schweren Autounfall, bei dem Sabine, Jan und ich glücklicherweise unverletzt blieben, konnte ich nur die ersten beiden Rennen, ein Zeitfahren im Regen an der Küste und ein kurzes Bergrennen bestreiten. Immerhin liessen mich die Ergebnisse vermuten, dass mein Rennvelomobil ein grosses Potential und ich viel zu wenig Training hatte. Damals waren es weniger als 1000 km. In den folgenden Wochen war ich geschäftlich absorbiert, und eine hartnäckige Fussgelenksentzündung liess ohnehin kein Training zu.
An der Nachtfahrt um den Thunersee vom 26./27. Juni erlangte ich, nachdem ich 150 km mit meinem unverschalten Peregrin hinter einem Rudel Birk Comet herjagte, brutale Gewissheit, was meine körperliche Verfassung anbelangt und verkroch mich entnervt ins Bett. Am frühen morgen fasste ich nochmals Mut und fuhr wenigstens eine 50 km Runde in meinem Peregrin VV (im öffentlichen Verkehr) um den See.
Nun blieben mir noch vier Wochen bis zum Tag X, von denen ich die letzten drei als Ferien eingegeben hatte. Ich war nahe dabei, den "Bettel" hinzuwerfen. Gründe dafür hätte ich genügend gehabt: meine chronische Erkältung, eine frühere Knieoperation, die erhöhten Ozonwerte und die vielen notwendigen Detailverbesserungen an meinem HPV, die mit der Badesaison und den Ansprüchen meiner Familie konkurrierten. Stattdessen entschied ich mich aber, das Training zu intensivieren. Kürzeren Flachetappen (100 km) folgten längere (150 km) und mehrere Passfahrten alleine. Zwei Wochen vor X durfte ich mit Walter Berger über den Jaunpass ins Freiburgische und über den Gurnigel zurück ins Emmental fahren (230 km und 3300 m Höhendifferenz). Am Mittwoch darauf war ich soweit erholt, dass ich zusammen mit Arleen Troost und Viktor Leitsoni eine 300 km lange Tour unternehmen konnte von Solothurn aus entlang dem Bielersee, Neuenburgersee, Genfersee ins Wallis. Die Fahrt war hart, heiss und landschaftlich wunderschön. In den letzten anderthalb Wochen baute ich schliesslich fiebrig am Fahrzeug (Lichteinbau, Vorderradverschalung, Cockpiteinbau, etc.). Am Freitagmorgen vor X fuhren Sandro Bollina, mein Helfer und ich die 750 km von Zürich in die Lausitz - d.h. Sandro fuhr, ich navigierte und schlief. Ständig nur 5 Stunden Nachtruhe und insgesamt ca. 2500 km Training: wahrlich keine optimale Vorbereitung...

Die 24 Stunden

Es war sieben Uhr morgens, als ich am Tag X im Zelt erwachte. Ein skurriler Gedanke wollte nicht mehr aus dem Kopf. Die Distanz (1108 Km), die ich in den kommenden 24 Stunden auf dem Rad zurückzulegen hoffte, war mehr als anderthalb mal solang, wie die beschwerliche Anfahrt mit dem Auto von gestern... Beim Morgenessen instruierte ich meine Helfer, mittlerweile hatten sich auch Rosmarie Bühler und Heinz Alder dazu gesellt, über Getränkezubereitung, Rennnahrung, Flaschenbefestigung, Batteriewechsel, allfällige Pneuwechsel und Pausen. Zum Schluss machten wir noch einige Handzeichen ab. Nun musste noch die Lordosenstütze am Sitzpolsters mit dem Brotmesser wieder abgetrennt werden. Bei der Probefahrt hatte sich gezeigt, dass meine Knie oben an der Verschalung leicht streiften.

Am Start um 09:20 war ich erstaunlich ruhig. Sandro hielt mich in Position und ich konnte trotz sehr langer ‹bersetzung (Kettenrad 90 Zähne, Kassette 12-13-14-15-16-17-19-21-23) problemlos anfahren. Bei meinen ersten kräftigen Pedalstössen hörte ich das Geräusch wieder, welches mir das Blut in den Adern gefrieren liess. Wo zum ... streifte die Kette? Aufhören oder Weiterfahren? Ich konnte, ohne mich allzu stark anzustrengen 60 km auf der Rückenwindgeraden erreichen. Nun waren es vorallem starke Windgeräusche, die sich am Helm bemerkbar machten. Ich verstand, was Eggert Bülk meinte, als er mir sagte, dass sich der Luftwiderstand durch eine Kopfverschalung nahezu halbieren liesse. Ans Telefonieren war definitiv nicht zu denken! Erstaunt war ich vor allem über die vielen schnellen Milans, die mich gelegentlich überholten. In welchem sass wohl Christian? Da ich den schnellsten eh nicht folgen konnte, beschloss ich fortan mein eigenes Rennen zu fahren.

Meiner Strategie folgend kam ich nach 6 Stunden und ca. 315 km zum ersten mal an die Boxe. Währenddem ich eiligst ein Plätzchen suchte, um meiner Blase Erleichterung zu verschaffen (und auf dem Grasstreifen zwischen Boxenstrasse und Rennstrecke glücklich fand), ersetzten meine Helfer die beiden 1.5 liter Flaschen, eine mit reinem Wasser, die andere mit Wasser und Maltodextrin (56 g / Liter H20, plus 1.5 g NaCL); 4 Power Bars wurden ebenfalls nachgeschoben. Nach ca. 4 Minuten sass ich wieder mit gelockerten und gestretchten Beinen startbereit im Fahrzeug und freute mich auf die nächsten 150 km.

Der spätere Nachmittag gestaltete sich angeblich äusserst heiss, was sich dann auch dadurch ausdrückte, dass ich bei gleichbleibendem Tempo kaum mehr überholt wurde. Mein Klimamanagement schien sich zu bewähren: Weisse Verschalung, enganliegende atmungsaktive Spezialunterwäsche statt Trikot, Luftstrom durch die Vorderradöffnung entlang Beinen, Bauch Schultern und Nacken liessen mich die Hitze kaum spüren! Der im innern des Fahrzeuges gebildete "Dampf" wurde unverzüglich durch den Fahrtwind über die Kopföffnung abgesogen (Doch zu welchem Preis?). Aufgrund der Thermik hatten nun die Windstösse beständig zugenommen. Mehrere Male musste ich mit einer Hand den Lenker haltend ungewöhnlich stark korrigieren. Da der Schwerpunkt des Profils der Radverschalung einige cm vor der Gabelachse liegt, könnte ich mir vorstellen, dass dies zusammen mit dem Nachlauf für die verschlechterten Geradeauslaufeigenschaften des HPVs verantwortlich sind.

Um ca. 21:30 waren in der Dämmerung die ersten 600 km zurückgelegt. Ich hatte möglichst lange mit dem Boxenstopp zugewartet, doch nun war es höchste Zeit, die Beleuchtung zu montieren. Getränkeflaschen wurden erneuert, der Aerohelm gegen einen anderen mit Visier ausgetauscht und die erste Batterie für die Beleuchtung eingesetzt. ‹ber diesen Moment habe ich mich speziell gefreut, denn der Einbau der 43 mm kleinen "Magicshine" Lampe (Batterie 150 g, Leuchtdauer 3.5 Stunden) und die passive Kühlung hatten mein ganzes bastlerisches Talent gefordert. Nun sah ich endlich wieder, wohin die Fahrt ging. Die 11 Watt Cree "Pfunzel" wirft dank einem diffusen Scheinwerfer einen scharfen Kegel und beleuchtet dennoch das weitere Umfeld noch genügend (ich konnte in der Kurve sogar einen Frosch erkennen und ihm ausweichen). Der Aerohelm mit integriertem Visier produziert eindeutig weniger Windgeräusche und ist gefühltermassen merklich schneller. Dafür begann mein rechtes Auge zu tränen und die Nase zu laufen.
Ich hatte Harald McElburg der anfänglich sehr schnell in seinem eleganten rot-silbernen Milan unterwegs war in der Nacht einige Male überrunden können, doch nun war er von der improvisierten Anzeigetafel (Beamer und Campingtisch als Leinwand) verschwunden. Christian schien noch im Rennen, obgleich er nun schon seit mehreren Stunden nicht mehr an mir vorbeigefahren war. Nachdem ich ein weiteres Mal Andreas Kraus auf seinem teilverschalten Birk überholt hatte, schien ein etwas hellerer roter Punkt am Ende der Gerade sich langsam gegen links zu bewegen. Das musste Christian sein. Ich wollte unbedingt versuchen, ihn innerhalb der nächsten 10 Runden einzuholen. Ich öffnete einen weiteren Powerbar und biss die Hälfte ab, um ihn langsam einzuspeicheln. -Dies hat den Vorteil, dass das Enzym Maltase im Mund die Stärke und die Mehrfachzucker vorverdaut, was die Verdauung entlastet-. Mir wurde sofort speiübel und ich konnte mich schlagartig erinnern, dass ich schon 2002 in Schötz Probleme mit dem Aroma "Mango/Tropic" hatte.

Bei der Verfolgung von Christian wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich neben den leichten Muskelverspannungen, die meine Leistung auf gefühlte 120 Watt limitierten auch langsam Probleme mit den Patella-Sehnen (Sehne, die an der Kniescheibe ansetzt) bekam. Ein geändertes Fahrregime, bei dem ich auf der Gegengerade auf 50 km beschleunigte und dann abwechselnd ein Bein aus dem Klick löste und gegen den Sitz anzog, brachte Besserung auch für die mittlerweile etwas tauben Füsse.

Die weiteren Nachtstunden waren geprägt von inneren Durchhalteparolen. Ab dieser Phase fand das 24 Stundenrennen bei mir eigentlich ausschliesslich im Kopf statt. Dabei hilft es, sich vorzustellen, dass ja schon mehr als dreiviertel geschafft sind. In diesen Phasen der grossen Einsamkeit auf praktisch verlassener Piste ist es besonderes aufmunternd und dadurch leistungserhaltend, wenn man im im Boxenbereich fröhliche Gestalten erkennt, die einem zujubeln oder einem mittels A4 Block und Filzstift mit wertvoller Informartion versorgen. Eine weitere Strategie könnte sein, laut Musik zu hören. Als ich es aber nicht schaffte den Kopfhörer in mein Smartphone einzustecken, begann ich stattdessen in einem publikumsfernen Bereich laut Leonhard Cohen zu singen, was auch half.

Die Zeit des Sonnenaufgangs ist immer etwas ganz besonderes. In der Lausitz war der morgendliche Himmel in allen möglichen Rottönen gemalt, die sich im Einklang mit meinem Gemüt erhellten. Schemenhaft liessen sich  auch schon die Tribüne des Eurospeedways erkennen und Vögel begannen sich in den Büschen zu regen. Der letzte Boxenstopp zeigte leider, dass meine Beine von dieser Erneuerung nichts mitbekommen hatten. Man schien sich ernsthaft Gedanken über meine Gesundheit zu machen, weil mein Gesicht angeblich kaum mehr Farbe als mein Fahrzeug hatte. Ich hatte nun meine Ernährung auf "Liquid Energy" umgestellt. Den Effekt dieses Zuckerzeugs merkt man schon etwa 29 Sekunden nach dem Einwerfen: Man ist für einige Minuten in der Lage, bei gleichbleibend langsamer Kadenz einen längeren Gang zu treten. Apropos Kadenz: Am Anfang der 24 Stunden lag sie bei ca. 85 und fiel dann ständig ab; mitunter bis auf 70 U/min (erschreckend!).

Schon "lange" hatte Christian den vom Australier Jeff Nielsen gehaltenen Weltrekord (1107 km) zurückerobert und wurde eben nach 24 Stunden durch ein Meer von blauen Fähnchen im Ziel empfangen. "Christian Ascheberg, Weltrekord 1223 km" stand auf der improvisierten Anzeigetafel. Für mich hiess das in erster Linie, dass ich in ca. 20 Min ebenfalls mein Pensum erledigt haben werde...
Nach der eigenen Zieldurchfahrt mit blauen Fähnchenschmetterlingen gelangte ich schliesslich auf Umwegen wieder in den Zielraum zurück, wo ich selbst aus meinem HPV aussteigen wollte, aber sogleich von mehreren starken Armen ergriffen wurde. Ich legte mich willig auf eine herbeigeholte Matte. Obschon mir völlig klar war, dass nicht ich der Mann des Tages war, konnte ich mich über die vielen Gratulationen von ganzem Herzen freuen. Ich hatte es geschafft, die 1107 Km zu überbieten und war hier und heute Teil eines wichtigen Kapitels in der HPV-Geschichte.

Gratulationen und Dank

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, Christian Ascheberg nachträglich noch zu seinem neuen Rekord zu gratulieren. Ich vermeide bewusst Worte wie "phantastisch" oder "fabulös". Rekorde, so gut sie auch sein mögen, werden immer später oder in diesem Fall wohl eher früher gebrochen. Denn das Abenteuer hat ja gerade erst begonnen und wer weiss, wohin die Reise noch geht. Er ist z.Z. wohl der stärkste Fahrer und für mich auch der Menthor dieser neuen Langstreckenbewegung.
Andreas Kraus kann für sich beanspruchen, der erste (aber sicher nicht letzte) teilverschalte/unverschalte Weltrekordhalter über 24 Stunden zu sein. Diese Kategorie ist besonders wichtig, steht sie doch zumindest vom Material her sehr vielen leistungsorientierten Liegeradfahrern offen. -Herzlichen Glückwunsch, Andreas.
Allen Anderen, die weniger "erfolgreich" an der Veranstaltung teilgenommen haben wie Daniel, Hans, Bernhard, Wulf und Ellen, gebührt der Respekt, sich mit viel persönlichem Einsatz für das Gelingen eingesetzt zu haben. Sie alle haben das Zeug zu zukünftigen Welmeistern und konnten durch ihre Teilnahme wichtige persönliche Erfahrungen machen.

Meinen Freunden vom Future Bike allen voran Sandro aber auch Rosmarie und Heinz, Regula (inoffizielle Helferin und Verbindungsfrau) aber auch allen anderen, die mir bei der Vorbereitung von Körper und Fahrzeug halfen, möchte ich danken.
Vielen Dank auch allen HelferInnen im Hintergrund angefangen beim droplimits-Team um Jörg Basler, Christoph Hipp und allen Offiziellen unterwegs für die zukünftige Regisstrierung der Rekorde bei der WHPVA.
Dank und grosses Lob gebührt auch der Firma DEKRA, die uns ihr wunderbares Testgelände für motorenfreie Zwecke zur Verfügung gestellt hat und Frau Haubold, die den gefahrlosen Zugang sichergestellt hat.
Mein persönlichster Dank geht an Sabine und Jan, die mir immer wieder Zeit schenken, das zu tun, was meine Leidenschaft ist, ohne ständig zu fragen, was es ihnen bringt.



Charles Henry, Zürich, 4.8.2010

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