Mein persönlicher Bericht vom 3-Stundenrennen in Monza

Das Rennen vor dem Rennen

Nach 7 Stunden Fahrt (davon mindestens die Hälfte in Staus am Gotthard in Chiasso und auf der Autobahn vor Monza) tragen wir am Samstag um 14:30 das umgebaute Peregrin VV in die Boxe 13/14 des Motodromo di Monza. Die Sprintrennen am Freitag hatten wir verpasst, und das Dreistundenrennen wäre beinahe auch ohne uns gestartet worden. Glücklicherweise war der Start aus organisatorischen Gründen um eine halbe Stunde verschoben. Mein Transponder klebte schon am Fahrzeug eines Konkurrenten und ich muss mein Transportfahrzeug noch auf einem öffentlichen Parkplatz abstellen; ich bin müde. 14:45 endlich bin ich umgezogen. Das Auto ist parkiert und Giovanni Eupani leiht mir wohl nicht ganz selbstlos seinen eigenen Transponder für die 3 anstrengenden Stunden. 14:50 die 1.5 Liter Maltodextrin sind im Heck verstaut, jemand hat den Rückspiegel befestigt und Jürg Affolter versucht, nachdem er die Reifen auf 8.5 aufgepumpt hat, zusammen mit Heinz die vordere Radverkleidung wieder zu befestigen. Die M3-er Muttern fallen irgendwo in die Verschalung. Von der Start-Zielgeraden vernehme ich Sherries Stimme. Sie ruft die Teilnehmerinnen auf, sich aufzustellen - die Nerven liegen blank! Schliesslich schiebe ich mein Fahrzeug durch die Boxengasse und platziere mich irgendwo, wo es gerade noch Platz hat. El Presidente, so nennen wir Jürg Zryd, der dem Future Bike seit 4 Jahren vorsteht, wird mich starten. ON YOUR MARKS, ARE YOU READY? -Doch alles lautstarke Verneinen meinerseits nützt nichts (also was soll die Frage?)- GO! hundertfaches Kettenrasseln begleitet die Fahrzeuge, die links und rechts an mir vorbeiziehen, während ich nochmals meine Haube öffnen muss, um den eingeklemmten Trinkschlauch zu bergen. Dank präsidialer Hilfe (das sind noch Präsidenten die die wahren Bedürfnisse des Volkes erkennen und nicht nur Bunga Bunga feiern) schaffe ich es schliesslich, die Startlinie mit einiger Verspätung zu überqueren.

 

Monza, die Strecke für schnelle HPVs

Ich muss mich umgewöhnen. Beim Comet-Rahmen werden ja die 3 "vorderen Gänge" auf dem Zwischengetriebe unter dem Sitz geschaltet. Endlich gelingt es mir auch, den richtigen Gang einzulegen. Die Aufholjagd kann beginnen. 900 Watt zeigt das SRM kurzfristig an. Na ja wir wollen es nicht übertreiben. 62 km/h sind mir etwas schnell für die Curve della Roggia, eine eng, S-förmige Kurvenkombination und ich bremse ab bis ca. 45km/h. Die Strecke scheint nun leicht abzufallen und die ersten Unverschalten sind eingeholt. Nach einer weiten Rechtskurve (1. Lesmo-Kurve) kommt eine engere Rechtskurve (2. Lesmo-Kurve), die ich später in vollem Tempo nehmen kann. Ich beschleunige noch einmal und erreiche 74km/h in der Unterführung. Eine Tafel mit der Aufschrift 500 am linken Pistenrand kündigt die nächste Kurvenkombination an, eine scharfe Linkskurve gefolgt einer weiten Rechtskurve (Curve del Vialone), die in eine kurze Linkskurve übergeht; noch bremse ich leicht ab. Auf der anschliessenden Geraden erreiche ich wieder 65 km/h bevor ich in die Parabolica einbiege. Diese Kurve hat es in sich: Durch den anfänglich zulaufenden Radius und den leichten Seitenwind läuft man Gefahrspäter nach aussen getragen zu werden. Dabei wird man beim Überfahren der Längsrillen stark durchgeschüttelt. Vor mir liegt nun die Zielgerade mit der Tribüne und den Zuschauern auf der Seite der Boxengasse. Die erste Runde ist geschafft; vor mir tauchen nun die ersten Vollverschalten auf.

Der Verlauf meines 3 Stunden-Rennens

In der Folge gelingt es mir immer besser, meine Kräfte einzuteilen. Auch die Curve della Roggia kann ich nun ohne abzubremsen mit ca. 50 km/h anfahren. Die neuen Pneus (Conti GP S 25 mm hinten und Conti GP 28 mm vorne) vermitteln mir ein sehr sicheres Fahrgefühl. Der Grenzbereich kündigt sich mit einem leichten Vibrieren an, das durch die VV akkustisch verstärkt wird. Selbst als es später leicht regnet und ich in der S-Kombination über das Rot-Weisse räubern muss, weil ein "Langsamfahrer" trotz Rückspiegel genau die Ideallinie hält, kann ich einen Sturz vermeiden. In der ersten Stunde gelingt es mir, ettliche Vollverschalte einzuholen, darunter Leute wie Daniel Fenn, Eric Marinissen und später sogar Ymte Sijbrandij. Doch wo ist Stephen Slade? Vom Pistenrand aus wird mir gedeutet, dass ich an dritter oder vierter Stelle fahre. Nach ca. der halben Renndistanz kommt nur noch Luft aus der Getränkeflasche. Nach einigen etwas langsameren Runden beschliesse ich, trotz Trockenzeit das Rennen nicht sausen zu lassen. Weit vor mir sehe ich ein tarnfarbiges Dreirad. Nach mehreren Runden habe ich das UFO (Unbekanntes FahrObjekt) eingeholt. Es ist offenbar ein Milan SL aus Carbon, aber den Fahrer kann ich nicht erkennen. Dass es sich um Monsieur Aurelien, 330 Watt, Bonneteau, den 1H-Weltrekordhalter UV handelt, kommt mir glücklicherweise nicht in den Sinn. Auf der leicht ansteigenden Zielgeraden muss ich jeweils recht kämpfen, um den Anschluss zu ihm nicht zu verlieren, während ich in den Kurven Boden gutmachen kann. Weil es so gut geht, greife ich schliesslich am Ende der Zielgeraden an und fahre mit ca. 54 oberpräzis durch die Curve della Roggia und halte ein hohes Tempo für zwei Runden. Die Victory-Handzeichen auf der Zielgeraden kann ich nur so deuten, dass sich meine ClubkollegInnen, die ich zuvor arg gestresst habe, mit einem Scherz an mir rächen wollen. Irgendwann in der letzen Stunde beginnen sich dicke Regentropfen auf meiner Front abzuzeichnen. Das Treten scheint nun tatsächlich schwerer. Ein Blick aufs Garmin (, welches via ANT+ Protokoll die Wattzahlen vom SRM übertragen bekommt,) bestätigt dass ich ca. 10% mehr leisten muss, um die Geschwindigkeit zu halten. Ist das nun der Verlust der laminaren Strömung oder das Beschleunigen der Regentropfen, der sich bemerkbar macht? Weil sich mein Rückspiegel mittlerweile verdreht hat, kann ich nicht sehen, dass sich Bonneteau und Slade von hinten nähern und mich schliesslich überholen. Mir schwinden die Kräfte etwas und ich beschliesse nicht auf Biegen und Brechen zu fahren. (Dass ich bis dahin tatsächlich in Führung gelegen habe, kann ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, weil ich nicht weiss, dass Steve "Slasher" Slade aus der Boxengasse starten musste und deshalb eine Runde zurück liegt.)

Unter dem Strich

Nachträglich ist man bekanntlich immer klüger und vor allem weniger müde. Dass ich schliesslich mit 57.2 km/h (nur ganz knapp hinter der Spitze) Rang 3 belege, ist viel mehr als ich erwarten durfte. Ich bin nämlich nach dem Umbau vom Peregrin Rahmen zum Birk Comet Rahmen in der VV keinen einzigen Meter weit gefahren. Der definitive Einbau und das Laminieren der Heckverschalung wurden erst drei Tage vor der WM möglich. Dass der Umbau ein voller Erfolg war, ist der präzisen Arbeit der Fa. Birkenstock Bicycles zu verdanken. Dass ich diese wichtige Standortbestimmung für den 6 Stunden-Weltrekordversuch überhaupt durchführen konnte, wurde erst durch den unermüdlichen (kann man ruhig wörtlich nehmen) Einsatz und das Know How von Jürg Affolter möglich, welcher in der letzten Woche zusammen mit mir diverse Spätschichten bestritt. Vielen Dank!

Die Veranstaltung war, soweit ich anwesend war, eine gelungene Sache. Für mich persönlich war es ein grossartiges Erlebnis, mein vollverschaltes HPV auch im Grenzbereich gefahrlos durch schnelle Kurven steuern zu dürfen und das im Mekka des Automobilsports! Den Leuten von Propulsione Humana, dem italienischen HPV, ist es trotz schwierigen Rahmenbedingungen (z.B. teurer Zeltplatz, von aussen auferlegte Zeitplanverschiebungen, erschwerte Kommunikation) mit Improvisationstalent und viel Charme gelungen, eine attraktive WM zu organisieren. -Tanti Auguri-

und übrigens...

Die schnelle Auswertung der SRM-Files hat gezeigt, dass alleine der Wechsel zum Birk Rahmen schon klar messbare Vorteile bringt. Der Aufwand für den Umbau war zwar beträchtlich, doch sind nun die notwendigen Voraussetzung geschaffen, um zukünftige Leistungssteigerungen bei hohen Geschwindigkeiten jenseits der 60 km/h realisieren zu können. Offenbar ist die praktische Cabrioversion (Kopf draussen) selbst auf einem schnellen Rundkurs durchaus kompetitiv. Sicher liesse sich damit auch der 24- oder evtl. auch der 12-Stunden Rekord angreifen. Für den 6-Stunden-Rekord dagegen muss die Aerodynamik auch im Kopfbereich kompromisslos optimiert werden.


Charles Henry, 15.6.2011

Bitte addieren Sie 8 und 3.

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