200 m Sprint mit fliegendem Start

Der erste Wettkampf der Veranstaltung sollte der 200m Sprint sein. Es geht darum, über eine Messstrecke von 200m Länge mit fliegendem Start die höchstmögliche Geschwindigkeit zu erzielen. Der Wettkampf findet auf einer Landstraße außerhalb statt. Es gibt zwei Startpunkte für die Anlaufstrecke – eine weiter entfernte für die schnellen, schweren Fahrzeuge und eine näher an der Messstrecke gelegene für die anderen. Man sammelt sich an den Startpunkten. Zuerst sind die Schnellen dran. Ich stehe neben der Landstraße und schaue, wie die Kollegen vorbeifahren. Sie haben noch einen weiten Weg bis zur Messstrecke, sind aber schon recht schnell. Es ist immer wieder unheimlich beeindruckend zu sehen, wie ein rein muskelkraftbetriebenes Fahrzeug mit mehr als 70km/h an einem vorbei fährt. Ergreifend. Fast surreal. Wir anderen vertreiben uns die Zeit und die Nervosität mit reden. Es dauert und dauert. Neben mir wartet ein Hüne aus dem Weser Bergland auf einem Challenge Taifun. Er sagt er fährt mit einem Triathlonrad in welligem Gelände einen 39er Schnitt. Ich bin angemessen beeindruckt und eingeschüchtert. Na super, das schaffe ich mit meinem feinen Rennlieger auf welliger Strecke kaum. Kann ja heiter werden hier. Jemand sagt, „der Russe“ mit seinem vollverkleideten Einspurer sei schwer gestürzt. Ich erschrecke. Hoffentlich, bitte, ist ihm nichts passiert. Bestimmt der Wind. Er weht in tückischen Böen von hinten rechts. Schwer zu fahren – vor allem mit dem vollverkleideten Einspurer. Mich schaudert es. Hoffentlich stürze ich nicht.

Die Reihen lichten sich und langsam, ganz langsam geht es voran. Dann ziehe ich vor. Ich reihe mich zwischen zwei Velomobilen (vollverkleidete Dreiräder) ein. Vor mir startet Lee Wakefield aus England mit seinem pfeilschnellen und wunderschönen Milan. Als er weg ist spricht mich der Offizielle an: „Take the challenge?“ und deutet Lee hinterher. Ich kapiere nicht, bin zu nervös und konzentriert. Dann klickt es. Ich denke, nein, nein, nein, nicht dran zu denken, in diesem Leben reicht das nicht mehr und muss schmunzeln. Die Spannung löst sich etwas. Danke! Dann erhalte ich das Startsignal. Ich klicke rechts ein und fahre nervös los. Erst nach einigen Umdrehungen klicke ich auch links ein, nachdem ich mich ein wenig verhakt hatte. Ruuuhig, Brauner, es ist ja noch Zeit. Die Theorie sagt, dass es günstig ist, mit einer Leistung knapp unterhalb der Schwelle loszufahren bis die Gleichgewichtsgeschwindigkeit erreicht ist und erst dann - und nahe genug an der Messstrecke - richtig anzutreten. Also 220..240W erstmal. Das Tempo steigt. 40, 42, 44, 47km/h. Hui, das geht ja gut hier. Der Wind schiebt. Ich freue mich und genieße die Fahrt. Der Stress löst sich. Links neben der Straße, auf dem Radweg, versucht sich die lokale Jugend an einem Duell. Nein, Junge, mit deinem Mountainbike wirst Du es schwer haben (aber der Versuch zählt - Respekt!). Ich konzentrier’ mich wieder. Jetzt kommt der Wald rechts. Da muss das 1500m-Schild stehen. Bei 1300m will ich antreten. 700W für 82s sollten mich auf gut 60km/h bringen. Mir schaudert. Der Hals schnürt sich zu. 700W für 82s, sagt die Trainingsanalyse, kann ich schaffen, so was habe ich dieses Frühjahr bei einem anderen Rennen auch hinbekommen – weil ein Rennradler meinte, er könne mich an einer leichten Steigung abziehen. Konnte er dann aber doch nicht. Hihi. Ich ihn aber auch nicht. Najaegal. Ich bekomme Angst, es nicht zu schaffen. Dann passiere ich das Schild. Aufregung. Jetzt schon antreten? Warten? Warten! Bei 1400m platzt mir der Geduldsfaden. Ich trete gar fürchterlich rein. 650W. Gut. Aber zu wenig. Ausgerechnet an der Stelle ist der ansonsten hervorragende Asphalt nicht so gut. Ich leide mit meinem feinen Rad, entscheide mich aber, trotzdem weiter anzutreten, aus Angst, „zu kurz zu kommen“. Bald stehen 59km/h auf dem Tacho mit steigender Tendenz. Prima. So kann es bleiben. Das Waldstück endet und plötzlich frischt der Wind auf. Eine furchtbare Böe packt mich und versetzt mich nach links Richtung Straßenmitte. Ich erschrecke sehr und habe Mühe, halbwegs in der Spur zu bleiben. Vor Schreck trete ich nicht mehr. Genau in dem Moment überholt mich Ymte Sijbrandij in seinem Quest mit massivem Überschuss. Ich glaub’ ich stehe! Mental gibt mir das den Rest. Nach einem Moment der Erholung entscheide ich mich dennoch, weiter anzutreten. Auf dem Tacho stehen nur noch 52km/h oder so. Viel zu wenig. Ich beschleunige wieder. Aber die Oberschenkel brennen furchtbar, der Puls ist bei 189 im dunkelroten Bereich. Wo, verdammt, ist die blöde Startlinie? Was? Noch 1000m? Oh neiiiiin! Ich leide, erschrecke, alles tut weh. Ich kann nicht mehr, bin total blau gefahren! Ich ziehe es aber trotzdem durch, die Euphorie ist jedoch weg. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, die Startlinie. Zuschauer, Anfeuerungsrufe. Ich bin restlos erledigt und leide. 55km/h auf dem Tacho. Absolut blamabel. Hoffentlich sieht mich keiner hier. Die Brücke, die den Zielstrich markiert, ist erreicht. Ich rolle aus, atme tief durch, ringe nach Luft – und mit der Enttäuschung. Versiebt habe ich es. Absolut versiebt. Den ganzen Winter trainiert, 2000km auf der Rolle abgerissen und dann, im entscheidenden Moment nicht lange genug warten können. Viel zu früh bin ich angetreten! Viiiel zu früh! Hornochse! Ich schäme mich furchtbar, fühle mich wie ein Trottel. Als ob ich es nicht besser gewusst hätte… Ärgerlich!

Am Ende waren es tatsächlich 55km/h und ein Platz im letzten Drittel. Nüchtern betrachtet zwar nicht gut aber auch nicht so katastrophal eigentlich. Ich mache mir noch Sorgen, Ymte behindert zu haben. Er sagt zu meiner Erleichterung aber „it didn’t even slow me down“. OK.

Gewonnen hat übrigens Daniel Fenn. In seinem Velomobil Go-One Evo K hat er sich mit 87km/h durch die Messstrecke gehauen. Unfassbar. Ehrfurcht gebietend. Surreal halt.

1-h-Rennen

Das Stundenrennen sollte wie das 100km Rennen auf einem Innenstadtkurs in Leer stattfinden. Leider war es mir nicht möglich, die Strecke vorab mit dem Rad abzufahren und kennenzulernen. Wenigstens per pedes konnte ich donnerstags und freitags einige Eindrücke sammeln. Die haben aber gereicht, um mir Respekt einzuflößen. Mir kam die Strecke relativ eng vor, mit mindestens zwei Kurven, die nicht „voll“ gehen. Dazu Abbieger- und Radwegmarkierungen, die bei Nässe unangenehm glatt werden können. Auch auf Kanaldeckel und andere Kanten im Asphalt versuchte ich ein Auge zu haben. Am Donnerstag Abend sehe ich auf EUROSPORT einen Live-Bericht über das Abschlusstraining in Le Mans.

 

Den knappen halben Tag zwischen Sprint und dem Stundenrennen am Abend verbringe ich damit, Essen zu organisieren, kurz zu schlafen, einen trockenen Stellplatz für das Auto zu finden, den Booten ein bisschen zuzuschauen (sehr interessant übrigens – schnell wie Motorboote nur ohne Krach) und mich allgemein zu erholen.

Eine Stunde vor dem Rennen mache ich mich fertig. Rad ausladen, zusammenbauen, Trinkflasche füllen, umziehen, Instrumente dran, Helm auf, Handschuhe an, die Zeitfahrüberschuhe nicht vergessen und abschließend eine kleine Probefahrt im Parkhaus. Passt alles. Gut. Dann trage ich das Rad die Treppe runter, raus aus dem Parkhaus in die Fußgängerzone. Ich rolle langsam durch und wühle mich zum Vorstart, wo ich auf die Kollegen treffe. Zu meiner Überraschung und Erleichterung dürfen wir uns auf der Strecke warmfahren. Wunderbar. Gleich nach Start/Ziel kommt die rechts-links Passage mit dem engen Ausgang. Ich versuche die Linie zu finden, ziehe nach der rechts ganz weit nach rechts rüber, über die Kanaldeckel hinaus. Für die Linkskurve passt das dann aber überhaupt nicht mehr, ich verfehle den Scheitelpunkt und eiere viel zu weit außen schrecklich rum. Nein, so wird das nichts. Die folgende Gerade samt den nächsten beiden Linksknicks gehen problemlos. Ich suche nur nach Kanaldeckeln und versuche sie mir zu merken. Dann die enge 90º Linkskurve. Ich ziele, fahre langsam rein – und erwische sie auf Anhieb perfekt. Erstklassig. Nächste Runde passt die rechts-links nach Start/Ziel wieder nicht. Wieder zu weit rechts. In der dritten Runde bleibe ich dann links von den Kanaldeckeln – und jetzt passt es endlich. Ich erwische den Scheitelpunkt der engen Linkskurve perfekt, kann in einem schönen Bogen heraus beschleunigen. Hervorragend. Strecke gelernt.

Das allgemeine warm fahren wird beendet. Man sammelt sich am Start. Ich stehe recht weit hinten. Warten. Ich schalte noch mein Rücklicht an. Jemand sagt: „So lange fahren wir aber nicht!“. Abwarten! Dann geht es endlich los. Gedränge. Man sortiert sich. Ich fange an zu überholen und werde überholt. Die rechts-links geht auch zu zweit nebeneinander – nur halt langsamer. Mir fällt auf, dass es schon recht dunkel geworden ist. Vor der engen 90° Linkskurve leuchten die Bremslichter eines Velomobils auf. Viele Zuschauer. ARNAGE! Mir kommen die Bilder aus Le Mans vom nächtlichen Abschlusstraining. Ich genieße die Stimmung unheimlich und sauge alles in mich auf.

 

Ich komme sehr gut voran. Die Antritte mit 500W gehen mir sehr gut aus den Beinen. Auf der Gegengeraden habe ich oft 47km/h auf dem Tacho. Ich überhole dauernd und werde auch überholt. Alles problemlos. In jeder Runde feile ich an der Linie. Vor mir fährt jemand mit einem unverkleideten Lowracer, der es echt drauf hat. Seine Linie ist gut und er fährt sehr viel Schräglage. Mehr als ich. Er nimmt mir in den Kurven stets einige Meter ab. Aber auf den Geraden komme ich immer wieder heran. Ich versuche, ihm zu folgen, und auch mehr Schräglage zu fahren. Hmmm. Bloß nicht übertreiben und keinen Sturz riskieren! Irgendwann überhole ich  ihn dann doch. Ich schrei' rüber: „Komm mit!“, will, dass wir uns gegenseitig Windschatten geben. Leider klappt das nicht. Mein Tempo ist wohl ein wenig zu hoch. Jetzt genieße ich es richtig. Arnage macht am meisten Spaß: ich schaue in den Spiegel, nehm' raus, klicke vier Gänge runter, lenke ein, fliege auf den Scheitelpunkt zu, trete dabei leicht, um die Kette auf der Kassette zu bewegen und die Trittfrequenz zu prüfen, treffe den Scheitelpunkt perfekt, trete wieder an, lasse mich raus tragen, jeden Millimeter der Straße ausnutzend. Perfekt. Ich glaube, die Fotografen, die sich genau am Kurvenausgangspunkt aufgestellt haben, haben auch ihren Spaß mit mir. Runde um Runde feile ich an der Linie. Es macht so unvorstellbar viel Spaß mit dem Rad. Diese Präzision und diese feine Rückmeldung. Vertrauen erweckend. Ich bin völlig verschmolzen mit dem Rad, es ist ein Teil meines Körpers geworden. Ich meine, die Straßenoberfläche wie mit der Hand fühlen zu können. Nichts Schöneres auf der Welt!

 

20 Minuten sind rum. Normalerweise kommt dann der mentale Tiefpunkt bei der Stunde: Anfangseuphorie weg, alles eingepegelt auf normal, die Schmerzen beginnen, man realisiert, dass es noch sehr weh tun wird und ist erschrocken, geschockt, verzweifelt, dass erst ein Drittel vorbei ist. Nicht so heute. Ich denke: „Oh, lass' das hier bitte nie zu Ende gehen.“ Die Strecke finde ich klasse: Anfangsbedenken haben sich in pure Freude verwandelt. Fahrtechnisch anspruchsvolle Strecken sind eindeutig wesentlich schöner als Volllast-Ovale.

 

Allerdings wird das Wetter schlechter. Der Wind frischt auf. Böen aus unterschiedlichen Richtungen. Sehr tückisch. Dunkler wird es auch. Dann fängt es an zu regnen. Ich nehme in den Kurven deutlich raus, habe große Angst, auf den Radwegmarkierungen auszurutschen. Auch die Sicht wird viel schlechter. Wassertropfen außen auf dem Visier und Kondenswasser innen. Ich wische auf den Geraden mit dem Handschuh das Wasser ab. Gegen das Beschlagen hilft, den Kopf nach hinten zu legen, so dass Luft unter das Visier strömen kann. Hab' ich letzte Woche auf der Hausrunde im Anstieg ausprobiert und gelernt - funktioniert gut. Leider kann ich das Visier nicht öffnen, weil ich dazu beide Hände bräuchte. Der einzige Nachteil des neuen Helms. Es geht aber irgendwie. Die anderen nehmen auch raus. Ich sehe keine akuten Stürze, bemerke aber neben der Strecke stehende Teilnehmer.

 

Mein Tempo ist weiterhin gut. Die Instrumente zeigen freundliche Werte. Eine gute halbe Stunde ist rum und ich bin offensichtlich ganz gut unterwegs. Nur die Dunkelheit macht mir Sorgen. Achwas. So schnell wird es schon nicht Nacht. 20 Minuten reicht das Licht schon noch. Ich kann einige Kollegen, die ich leistungsmäßig beobachte, sogar überrunden. Das motiviert sehr! Irgendwann brechen die letzten zehn Minuten an. Ich versuche, das Tempo nochmal anzuziehen. Es klappt. Ich habe echt Druck am Pedal heute. Die Schinderei über den Winter hat sich also doch gelohnt. Sehr befriedigend. Die letzte Runde. Nochmal die rechts-links. Schön. Die Gegengerade, ein letztes Mal durch Arnage. Wunderbar. Dann die Flagge. Schluss, aus, vorbei. Schade!

Am Ende war es ein knapper 42er Schnitt mit 230W Durchschnittsleistung. Angesichts der Bedingungen die klar beste Stunde meines Lebens. Ich bin tief zufrieden!

 

Nachtrag: als ich im Ziel das Visier hochklappe, ist es auf einmal nicht mehr so duster… 

100-km-Rennen

Das 100km Rennen wird auch auf dem Innenstadtkurs ausgetragen und soll der Höhepunkt der Veranstaltung werden. Die Startzeit ist auf 10:00 Uhr angesetzt. Ich rechne damit, dass die Schnellsten einen 50er Schnitt fahren, was für mich zwei Stunden und rund 80km bedeutet. Leider habe ich in der Nacht nur kurz und schlecht geschlafen. Auch habe ich es abends nicht mehr geschafft, etwas zu essen, und bin hungrig ins Bett gegangen. Zum Glück ist jetzt, am dritten Tag der Veranstaltung, bei mir alles ganz gut eingespielt. Ich kenne die Wege und komme rund zehn Minuten vor zehn Uhr am Vorstart an. Leider höre ich, dass unser Rennen eine Stunde später stattfindet. Schade. Wir vertreiben uns die Zeit wieder mit reden, beantworten Fragen von Zuschauern, entwickeln Strategien, lassen das Stundenrennen Revue passieren. Lockere Atmosphäre. Der Kurvenkönig von gestern will mit mir zusammen fahren weil er (ein)gesehen hat, dass ich doch nicht so viel schneller war. Sag' ich doch! Er will schneller sein als beim Stundenrennen. Ich bin skeptisch, freue mich aber auf den Versuch und will unbedingt mit ihm fahren. Dann dürfen wir auf die Strecke. Einige wenige Runden können wir uns warm fahren. Ich lasse es sehr ruhig angehen und genieße alles. Am Start stehe ich diesmal ganz hinten. Was vorne gesagt wird und passiert, bekomme ich überhaupt nicht mit. Irgendwann geht es los. Dichtes Gedränge. Es wird sehr ungleichmäßig gefahren, man ist nervös. Ständig gibt es Tempowechsel. Anstrengend. Konzentration, Konzentration, Konzentration! Der Kurvenkönig ist vor mir, bahnt sich seinen Weg durch die Meute. Ich folge ihm wie ein Schatten, lasse ihn nie aus den Augen. Bald merke ich aber, dass meine Beine schlecht sind heute. Die „Erholungsphase“ war für mich wohl zu kurz. Geschlampt beim Grundlagentraining? Ich habe absolut keinen Druck am Pedal, alles fühlt sich ausgelaugt an. Es bildet sich eine Gruppe Unverkleideter. Der Kurvenkönig und ich fahren auf den letzten Positionen. Aber bald merke ich, dass selbst dazu meine Kraft nicht reicht. Ich muss abreißen lassen und fahre fortan allein. Ich werde langsamer, kann kaum noch 200W treten. Ab und an trinke ich etwas. Das hilft kurz, kostet aber auch Zeit. Das Wetter wird schlechter. Der Wind frischt sehr stark auf, Absperrbänder flattern, Schirme fliegen, Schilder werden umgeweht. Ich bewundere die Helfer, die trotzdem ausharren (müssen). Und es wird dunkel. Dann setzt ein starker Regen ein. Ich leide. Der Regen ist nicht nur nass wie gestern sondern vor allem auch bitter kalt. Jeder Regentropfen fühlt sich an wie ein Nadelstich. Und es sind Tausende! Ich friere, zittere, leide, fühle mich ausgelaugt und kraftlos. Die Sicht ist wieder schlecht. Halt, stopp - das ist nicht die letzte Etappe des diesjährigen Giro d' Italia hoch zu den Drei Zinnen und ich bin nicht Vincenzo Nibali sondern muss am Montag Morgen wieder in der Arbeit sein. Ja, in diesem Moment denke ich darüber nach, aufzugeben. Hab’ ich nicht gestern gezeigt, dass ich recht schnell über die Stunde bin? Muss das sein hier? Brauche ich mit Gewalt eine Erkältung? Ob das Rennen wohl abgebrochen wird wenn die Bedingungen noch schlechter werden? Wird es nicht! Ich bin zu unentschlossen, um anzuhalten, und fahre deswegen einfach mal weiter. Wann sonst hat man schon mal die Gelegenheit, auf einer abgesperrten Rundstrecke mit gutem Asphalt so dermaßen die Kuh fliegen zu lassen? Also weiter - ich will versuchen die Umstände zu verdrängen und die Fahrt mit diesem wunderbaren Rad zu genießen. Das klappt. Krise überwunden. Der Regen wird wieder schwächer. Ich bemerke, dass der Verkehr auf der Strecke stark abgenommen hat und vermute, dass viele ebenfalls den Gedanken ans Aufgeben hatten und ihm (vernünftigerweise?) nachgegeben haben. Aber ich bin noch dabei! Das beflügelt. Die Sonne kommt raus. Es trocknet zunehmend ab. Die Kurven gehen jetzt wieder schneller. Aber für die 500W Antritte danach wie gestern fehlt heute die Kraft. Ich kann einen bekannten Konkurrenten überrunden. Das gibt innerlich Auftrieb. Jetzt zieh’ ich es durch! Leider reicht die Kraft bei weitem nicht für eine Tempoverschärfung. Ich fange an, die Anzeigen bei Start/Ziel zu lesen, schaue auf die Instrumente, rechne. 24, 24, 24, 22, 18, 18 wird angezeigt – was bedeutet das nur? Das Nachdenken über dieses Problem lenkt ab von der Erschöpfung und den Schmerzen und lässt die Zeit verrinnen. Dann begreife ich es – es sind die Restkilometer und die Anzeige wird nur unregelmäßig aktualisiert. Ja, so kann es sein. Ich realisiere, dass ich gar nicht mal so schlecht unterwegs bin. Die 80km schaffe ich zwar nicht mehr. Vielleicht 70? Komm schon, es ist doch nicht mehr weit. Dann die Überraschung: ich erkenne den Kurvenkünstler allein fahrend vor mir! Mehr noch, ich hole ihn ein und kann vorbei ziehen. Er tut mir leid. Es muss ihm noch schlechter gehen als mir, offenbar konnte er die Gruppe auch nicht halten. Überhaupt finde ich, dass ich gegenüber den anderen eher Boden gut mache. Ich fühle mich wie der Einäugige unter Blinden. Für eine echte Attacke reicht es dennoch schon längst nicht mehr. Ich schleppe mich nur noch dahin, denke an die Hausrunde und stelle mir vor, wo ich wäre und wie weit es noch bis nach Hause ist wenn noch 18km zu fahren sind. Aber was ist das? Wandert das Ziel? Entfernt es sich? Ich komme der 80km-Marke immer näher, es müsste doch eigentlich schon vorbei sein? Dann (endlich) höre ich die Glocke, mit der der Rennleiter die letzte Runde einläutet. Einmal noch die schöne rechts-links-Passage, der leichte Knick, die Gegengerade hoch. In Arnage stehen immer noch Zuschauer und Fotografen. Wahnsinn. Was für eine schöne Kurve und welch’ Freude, sie mit diesem feinen Rad befahren zu dürfen. Die letzte Gerade hoch hänge ich mich in den Windschatten eines blauen Mangos. Ich kann nicht mehr. Zielsprint undenkbar. Dann die Zieldurchfahrt. Ich hab’ es geschafft!

 

Die Auslaufrunde wird sehr still. Im Kopf schwirren tausende Eindrücke umher. Man winkt den Streckenposten und Zuschauern zu, die dem Wetter getrotzt und so lange ausgeharrt haben. Danke für Euren Einsatz!

Ich treffe den letztjährigen Weltmeister, will ihn ansprechen und ihm danken, dass er mir damals, vor zweieinhalb Jahren, zu diesem Rad geraten hat, wissend, dass er dabei nichts verdient. Aber er scheint in besonderer Stimmung zu sein, da will ich ihm den Moment nicht kaputt reden und lass' ihn in Ruhe. Andreas, ich wünsche mir, dass das nicht deine letzte WM war! Du würdest der Szene fehlen!

 

Insgesamt wurde es doch noch ein knapper 40er Schnitt (bei nur noch 200W im Durchschnitt), der mich in der Gesamtwertung nach dem versiebten Sprint doch noch überraschend und unerwartet in erfreulich gute Regionen katapultiert. Platz 15 bei den Unverkleideten in der Gesamtwertung! Hammer! Training lohnt sich eben doch!

Fazit

Ich stehe in Leer mit dem Auto an der Ampel, bereit zur Heimfahrt aber mit dem Kopf noch im Rennen. Neben mir ein blaues Mango Sport. Die Startnummer ist noch drauf. Ja, mit diesem Kollegen habe ich vor einer Stunde noch gekämpft. Wir haben uns geplagt, geschwitzt, den kalten Regen ertragen, den Sand der Straße geschluckt, die Sonne genossen, um jeden Zentimeter gerungen und die Schmerzen in den Oberschenkeln ertragen. Er schaut zu mir rüber, erkennt das Rad im Auto. Ich schaue zu ihm rüber. Unsere Blicke treffen sich. Ein kurzes Nicken. Schön war’s!

 

Was ist die Summe aus 4 und 3?

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