Erlebnisbericht zur HPV WM 2013

Vorbereitungswoche
Die Route Rumänien - Leer geht direkt durch Bamberg. So kam es, dass ich am Mittwoch zufällig Besuch von einem genialen Konstrukteur, Erfinder und erfahrenen Rennfahrer bekam.
Gemeinsam haben wir noch wichtige letzte Rennvorbereitungen getroffen. Wie Ihr später noch genauer lesen werdet, war dieser Abend die Grundlage für den zukünftigen Weltmeister.
Die genauen Details dieser Vorbereitungen kann ich natürlich nicht preisgeben, aber es hat mit Kohlehydraten zu tun.
Daniel, vielen Dank für alles!

Freitag
Wieder habe ich Unterstützung, diesmal aus Nürnberg von labella-baron. Als wir abends in Leer ankommen, ist die Anmeldung grade noch möglich. Wir bauen das Zelt auf, treffen aber so viele nette Bekannte, dass wir zum offiziellen Abendessen zu spät kommen.
Also gehen wir zum nächsten Griechen. Aus meiner "großen Portion Reis" wird eine "große Portion Fleisch und zwei Esslöffel Reis". Habe an dem Tag zu wenig getrunken und das Fleisch liegt mir über Nacht im Magen.

Samstag
Am nächsten Tag wache ich früh ausnahmsweise nicht vor Hunger auf. Gegen 6 erwacht der Zeltplatz, fröhliche Kinderstimmen kündigen einen wunderbaren Tag an. Ich hüpfe in die Dusche und suche mir gegen 7 einen Platz im ziemlich vollen Essensraum. Treffe dort wieder viele nette Bekannte, sodass sich das Frühstück lange hinzieht.
Mein zweiter Ultremo trifft zum Glück auch noch ein, sodass ich diese kurz vor dem 200 m Sprintwettbewerb noch aufziehen kann. Den Transponder gabs beim Frühstück, den habe ich am Federbein montiert. Mein K ist ein unverändertes (aber leichtes) Serienmodell, keine weiteren aerodynamischen Hilfen. Radkästen nicht zugeklebt, aber ich fahre auch im Alltag immer mit Haube.
Die Teilnehmer können entscheiden, ob sie von der leicht erhöhten Autobahnbrücke (ca 4 km vor Messstrecke) oder 800 m später, 3.200 m vor Messstrecke starten wollen. Ich weiß, dass ich in relativ kurzer Zeit auf 50 komme, mehr wie 60 wollte ich bei dem böigen Wind eigentlich nicht fahren, entscheide mich also für die zweite Startposition.
Die Brückenstarter kommen zuerst, damit es keine Kollisionen gibt. Einige Milane rauschen in beeindruckender Geschwindigkeit an unserer Startposition vorbei, geschätzt hatten die dort bestimmt schon 70 km/h drauf. Ich male mir dadurch wenig Chancen aus. Am Abend zuvor haben wir noch schnittige schmale Torpedos angeschaut, die für mich sehr schnell ausgesehen haben. Die sahen nicht aus wie Straßenfahrzeuge, sondern eher wie Rekordfahrzeuge. Wir vermuteten, dass die vor allem für die Sprintstrecke angereist sind.
Aber egal, es ist schließlich eine WM, da kommen halt die Besten der Besten.
Unser Start zieht sich hin, ich bekomme schon wieder Hunger. Aber dann dürfen wir doch starten.
Mein erster Start läuft recht gut. Weil die Strecke ja 3 km lang ist, lasse ich mir Zeit und rolle mit 50 dahin. Aber plötzlich kommt das 1500m Schild viel zu unerwartet und ich beschleunige heftig. Bis zum Start der Messstrecke habe ich noch 78 erreicht und am Ende hatte ich 82. Mist, zu spät beschleunigt. Trotzdem erstaunlich!
Eigentlich habe ich immer noch Hunger. Schaffe ichs nochmal zum Zeltplatz? Lieber nicht riskieren, zu spät zu kommen. Also starte ich ein paar Minuten später zum zweiten Versuch.
Diesmal von Anfang an 300 W, habe nach 1000 m schon 70 km/h und halte die mit ca 250 W bis zur 500 m Marke. Eigentlich zu früh beschleunigt, aber einen dritten Versuch gibt es nicht. Bei der Startlinie habe ich ca 82, beim Ziel dann 84 gesehen. Offizielles Ergebnis 83.5.
Am meisten beeindruckt hat mich Max, der in seinem Quest 83.6 erreicht hat!

Am Nachmittag bekommen wir in einer Eisdiele Nudeln und Pizza, als Treibstoff für das 1-h Rennen.
Der 1,8 km lange Kurs hat eine enge und eine besonders enge Kurve. Der Kurs ist sehr voll mit anderen Teilnehmern, alle in verschiedenen Geschwindigkeiten unterwegs. Der Sprecher gibt die Regel vor, links zu fahren und rechts zu überholen. Ich versuche mich, daran zu halten aber alle fahren durcheinander. Langsamere sind links, rechts und in der Mitte und überholen sich auch noch gegenseitig. Nachdem ich ein paarmal rechts überholen wollte, wo dann der überholte auch noch nach rechts zieht und ich heftig bremsen muss, überhole ich dann wie alle anderen auch, wo gerade Platz ist. Einmal schaffe ich es nicht rechtzeitig vor einer Engstelle und knalle mit der linken Felge heftig über einen Bordstein, aber der Reifen hat gehalten. Der überholte Teilnehmer hatte mich wahrscheinlich nicht gesehen und ist etwas nach links gezogen, ich wollte keine Kollision riskieren.
Einmal fliegt mir die Kette vorne ab. Ich merke es nicht sofort, und trete sie so heftig um die Leistungskurbel, dass ich anhalten und sie rausfudeln muss. Ich schätze, dass ich dabei 2-4 Minuten verloren habe. Vielen Dank an Reinhard für die Unterstützung!
Direkt vor mir stürzt an einem Kanaldeckel ein Einspurer mit Heckhutze. Ich kann gerade so am liegenden Fahrer vorbeifahren und bin für eine halbe Runde leicht geschockt. Als ich wieder an der Stelle vorbeikomme, ist nichts mehr zu sehen. Ich habe nichts von ernsten Verletzungen gehört.
Nach der Dusche kommen wir leider wieder zu spät zum Essen.

Sonntag
Das 100 km Rennen. Das Rennen endet, wenn der erste die 100 km erreicht hat, d.h. alle anderen fahren etwas weniger als 100 km.
Beim Einfahren merke ich, dass ich noch einmal "wohin" muss. Komme dadurch als letzter an den Start, ein großes Feld steht schon da. Sche*e. Mogle mich am Rand vorbei, stehe trotzdem in fünfter Reihe. Kurz vor dem Start steigt Daniel nochmal aus, um "wohin" zu gehen. Ah so macht man das!
Der Fahrer links neben mir wird unruhig, steigt aus, läuft herum und legt plötzlich sein Quest auf die Seite, er hatte offenbar einen Platten. Auf ihn kann nicht mehr lange gewartet werden und es geht los.
In der ersten halben Stunde fliegt mir wieder zweimal die Kette ab. Diesmal bemerke ich es aber rechtzeitig und lege sie im Fahren wieder auf. Das gestaltet sich fummelig, weil es öfter rumpelt und die Kette dabei wieder runterfällt. Ich bemerke, woran das liegt: in einer Kurve sind heftige Bodenwellen. Durch die Fliehkräfte fliegt immer genau da die Kette ab. Daher trete ich ab da 100 % durch, ohne in den Feilauf zu kommen. Das hält die Kette drauf, bedeutet aber, dass ich auch beim Bremsen in den Kurven mit 100 W weitertrete.
Direkt vor mir stürzt ein Einspurer mit Vollverkleidung, der vorne ein kleines Sichtfenster hat. Immer vor Kurven streckt er seinen Kopf heraus, das sieht sehr ulkig aus, wie eine Schildkröte (man sieht ihn hier bei 0:42). In der spitzen Kurve schmunzle ich über seinen Ausblick, das vergeht mir aber sehr schnell als er dabei ins Schlingern kommt und stürzt, er rutscht und dreht sich dabei, knallt dann in die Strohballen. Als ich wieder daran vorbeikomme, wird er gerade von den Zuschauern aufgerichtet und fährt weiter.
Daniel zieht ein paarmal an mir vorbei, es kommt mir vor als ob ich stehe. Mitfahren ist auf keinen Fall möglich.
Nach und nach werden es immer weniger Teilnehmer, es kommt mir zumindest so vor. Es sind weniger Fahrer auf der Runde, so lässt es sich besser fahren und ich kann sogar ab und zu die Ideallinie in den Kurven fahren.
Nach 1:30 geht mein 0,5 L Wasservorrat aus. Nach 1:45 bekomme ich einen Krampf im linken Bein und kurble lockere zwei Runden, um wieder Kraft zu finden. Ich kann mich erholen und die letzten Runden mit Tourentempo zu Ende fahren. Ich vermute Wassermangel als Ursache, im Sitz hat sich eine hübsche Pfütze gebildet, die ich im Ziel ausschütten konnte.
Alle Rennen im Rundkurs sind aus meiner Sicht sehr fair. Alle haben so gut wie möglich versucht, sich nicht zu behindern. Die Langsameren haben gut ihre Spur gehalten und sind berechenbar gefahren.
Ich hoffe, dass ich auch niemanden behindert habe - wenn, dann war es unbeabsichtigt.

Gleich nach dem Rennen fahre ich zur Dusche und Zelt abbauen. Das Mittagessen verpassen wir leider wieder. Da das Rennen eh schon später gestartet ist, machen wir uns danach sofort auf den Heimweg.

Es war ein tolles ereignisreiches Wochenende, und ich bin froh, dass ich dabei sein konnte. Bis auf das Nürnberger Altstadtrennen, bei dem ich als einziger Velomobilfahrer teilgenommen habe, bin ich vorher kein Rennen gefahren. Bei so einem engen kurvigen Kurs ist das schon etwas anderes, als um die Nürnberger Altstadt zu kreisen. Es kommt viel auf fahrerisches Können an. Für ein Velomobil ist der Kurs nicht ideal, da man eigentlich nur antritt oder bremst, es gibt nicht viel Gelegenheit zum Rollen lassen. Im Alltag bin ich auch mehr gewohnt, durchzufahren. Bisher haben mich Ampeln geärgert, in Zukunft freue ich mich, den Antritt trainieren zu können.

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